Jetzt ist alles Gut

Wenn er auf die Toilette müsse, solle er doch bitte reingehen. Nach dieser Aufforderung trollt sich der Bauarbeiter, weg von Büschen und Wiese. „Der markiert uns sicher keine Affenanlage“, sagt die Frau im roten Overall resolut in Richtung Kamera. Wenn es um das Wohl ihrer Schützlinge geht, verstehen Tierpflegerin Foidl und ihre Kolleginnen keinen Spaß. Nach all dem, was den Affen angetan wurde. Auf der Suche nach einem Impfstoff gegen AIDS begann der österreichische Pharmakonzern Immuno damit, sich artengeschützte Schimpansen zu halten und missbrauchte sie über viele Jahre für sinnlose Versuchsreihen. 40 von diesen Primaten, teilweise mit HIV- und Hepatitisviren für die Forschung infiziert, leben bis heute in einem ehemaligen Safaripark in Gänserndorf an der österreichisch tschechischen Grenze, wo sie nach wie vor von dem engagierten Pflegerinnenquartett betreut werden. Nach vielen Höhen und Tiefen um ihre Zukunft gibt es für die Affen erst seit kurzer Zeit eine Verbesserung der Bedingungen ihres verpfuschten Lebens.

Indes: Alles wird nicht gut. Der Untertitel von Richard Linklaters A Scanner Darkly könnte auch das Motto des Dokumentarfilms Unter Menschen von Christian Rost und Claus Strigel sein. Mag der lange Leidensweg der Affen eine gewisse Art von Ende gefunden haben – die Fragen nach Aufklärung und Bewertung der Verbrechen an ihnen noch lange nicht. Das deutet schon der internationale Filmtitel Redemption Impossible an, der, wie das deutsche Pendant Unter Menschen, eine doppelte Bedeutung hat: Weder Wiedergutmachung noch Erlösung sind möglich. Doch dieser Film ist alles andere als ein reißerisches Herz für Tiere Plädoyer, denn er spricht, in klarer, unaufgeregter Weise, eine Reihe grundsätzlicher Konflikte an, die beunruhigende Schatten werfen.

Natürlich sind da zum einen die Schick­sale der Menschenaffen, die, zwecks leichteren Zugangs in viel zu kleinen Käfigen gehalten, jahrelang täglich operative Eingriffe über sich ergehen lassen mussten und allesamt schwer gezeichnet sind vom vereinzelten Vege­tieren in Gefangenschaft. Auch das Team der Pflegerinnen wird einfühlsam porträtiert, die die Tiere teilweise schon zu Zeiten des Versuchslabors begleiteten und an der Schizophrenie litten, welche der Dienst an den geliebten Tieren bei gleichzeitiger Unterstützung eines verhassten Systems mit sich bringt. Auf der Suche nach den Verantwortlichen trafen Rost und Strigel unvermutet auf mafiöse Verstrickungen von Politik und Wirtschaft, die, durchdrungen von Geld- und Prestigegier, aufmerksame Tierschützer vor Ort und in der Heimat der Schimpansen auf obszöne Weise auszubremsen verstanden. Auch der einst so angesehene World Wildlife Fund – in dessen Vorstand die Pharmaindustrie nach wie vor vertreten ist (und der sich zur eigenen Systemsicherung zwecks fragwürdiger Deals schon mal mit Agrar- und Ölmultis an den Tisch setzt) – zeigt sich bei der Nichtrettung der Affen einmal mehr in einer beschämenden Rolle.

Eine der Stärken von Unter Menschen ist seine Ausgewogenheit. Investi­tive Recherche, Mitgefühl und die Anerkennung fürs Engagement der unterschiedlichen Helfer konkurrieren nicht, wohl platziert ergänzen sie einander, ohne die Geduld des Zuschauers überzustrapazieren. Interessanterweise macht gerade diese Herangehensweise den Film aktuell wiederum zum Politikum: So distanziert sich der „Retter der Affen“ Michael Aufhauser, der das marode Schimpansenrefugium 2010 in den Verbund seiner Gnadenhöfe aufgenommen hat, von dem Film. Er entspreche nicht der Philosophie seines „Gut Aiderbichl“, so die offizielle Begründung.

Womit jetzt alles gut wäre, aber nicht gut ist. Denn so viel es Aufhauser offenbar bedeutet, die Forschung nach Ursachen und Zusammenhängen bezüglich der damaligen Affenbeschaffung und -haltung im großen Unisono einer humanen Kollektivschuld auflösen, so essentiell sind die Fakten für die beiden Filmemacher. Zum Glück. Denn Unter Menschen bietet genügend Stoff für kollektive Empörung und die beunruhigende Frage, wo wir die Trennlinie ziehen wollen zu den Lebewesen, deren Erbgut zu 99,4 Prozent mit dem unsrigen übereinstimmt. Das gilt zum einen für die Gegenwart, in der das Europäische Patentamt erst Mitte des vergangenen Jahres unter anderem das Patent auf gentechnisch manipulierte Schimpansen an ein US-amerikanisches Unternehmen durchgewinkt hat – zum Nutzen des medizinischen Fortschritts oder doch eher für einen lukrativen Markt der Versuchstiere, wie es der Deutsche Tier­schutzbund zu bedenken gab?

Zum anderen wird die Trennschärfe möglicherweise noch einmal an ganz anderer Stelle thematisiert. Und da konnte es einem richtig mulmig werden bei dem möglichen Szenario, das Christian Rost während eines Filmgesprächs in München zeichnete: Wenn wir die Affen jetzt als Untermenschen sehen, wo werden dann, in einer möglichen Zukunft, die Grenzen verlaufen zwischen der heutigen Kreatur Mensch und seiner potentiellen, leistungsfähigeren Cyborg-Version? An der Antwort könnte sich ein Science-Fiction-Thriller abarbeiten, in dem mit Sicherheit wieder alles nicht gut wird.

Natascha Gerold

Originalbeitrag auf http://www.artechock.de/film/text/kritik/u/unmens.htm

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